Von Einer, die auszog, um Hebamme zu werden.

„Habt Ihr eigentlich schon eine Hebamme?“ wurde ich aus dem Bekanntenkreis in etwa der Mitte der Schwangerschaft meiner Frau gefragt?
„Wieso?“ war erst mal die Antwort. „Na weil man sich da früh drum kümmern muss.“ Das war der Moment in dem ich mir das erste Mal Gedanken darüber gemacht und gemerkt habe, daß dem tatsächlich so ist. Bisher hatte ich dem Beruf der Hebamme keine allzu große Bedeutung geschenkt, aber das sollte sich demnächst ändern. Schnell habe ich kapiert, daß man eine Hebamme regelrecht suchen muss, denn es scheint extrem wenige davon zu geben. Überall rumgefragt und mit etwas Glück doch noch eine bekommen. Und auch noch eine richtig Gute: die Maria, frisch gebackene Hebamme aus Süd-Tirol und seit kurzem in Stuttgart im Einsatz für das Wohl der kleinen, neugeborenen Erdenbürger. Sie hat uns ab kurz vor der Geburt bis einige Wochen danach begleitet und war sozusagen unser Orakel für alle Fragen rund ums Baby: ob wunde Nippel oder wunder Po – die Hubi war oder hatte die Antwort auf all diese Fragen und Probleme.



Sowas beruhigt ungemein wenn man weiß, daß man jemanden hat, den man alles fragen kann, was einem so auf der Leber liegt. Man möchte mit dem kleinen Säugling ja nichts falsch machen. Entbunden haben wir bzw. meine Frau im Charlottenhaus wo die Geburtsabteilung Ende des Jahres geschlossen wird. So zieht sich das wie ein roter Faden, wenn es um Kinder geht: kaum Hebammen, kaum Kinderärzte, überfüllte Geburtssääle, keine Kitaplätze. Wo ist eigentlich der Staat wenn man Ihn braucht? Nach der Geburt und vor dem Tod, dann, wenn
man wirklich Hilfe benötigt, ist er nicht da. Kindererziehung ist eine schwierige Aufgabe geworden genauso wie der Umgang mit alten Menschen. Bleiben wir aber mal bei den Neugeborenen und widmen uns etwas näher dem Thema, warum es so wenig Hebammen gibt. Darüber habe ich mich mit der Maria länger bei einem Stück Mohn-Kirsch-Kuchen unterhalten. Maria ist 25, kommt ursprünglich aus Bozen, hat in Würzburg die Ausbildung zur Hebamme gemacht und danach direkt im Stuttgarter Charlottenhaus als Beleghebamme angefangen. Zusätzlich bietet Sie auch die Nach-Geburt-Betreuung an und besucht frisch gebackene Familien zuhause. Zweiteres ist vom Aussterben bedroht: ca. 90% der Suchenden finden keine Hebamme und müssen sich nach der Geburt alleine durchschlagen. Maria hat sich trotzdem dafür entschieden, auch wenn Ihr die Arbeit im Kreissaal mehr Befriedigung gibt. Wenn man nicht für ganz schmales Geld im Krankenhaus angestellt ist geht man direkt nach der Ausbildung als freiberufliche Hebamme an den Start.



Aber warum gibt es denn nun so wenig Hebammen? Am Interesse mangelt es nicht. Aber: in Städten wie Würzburg oder Stuttgart gibt es jährlich gerade mal 15 Ausbildungsplätze. Bedeutet: wenn mehr als 15 Hebammen in Rente gehen oder, da die meisten weiblich sind, auch mal Mama werden, sinkt die Zahl dieser und das, obwohl wir dringend Bedarf nach mehr haben. Bewerbungen gibt es, wie schon erwähnt, genügend: mehrere hundert Mädels wollen den Beruf ergreifen, aber für den Großteil gibt es eben keinen Platz. Dann wäre da noch die Hebammen-Versicherung. Es gibt kaum einen Versicherer, der für die Hebammen gerade stehen möchte und so kommt eine jährliche Versicherungssumme knapp unterm 5-stelligen Betrag raus. Und das muss man erst mal stemmen können und wollen. Viele Hebammen werden im Laufe Ihrer Selbständigkeit selbst (mehrmals) Mutter und können in dieser Zeit nur eingeschränkt arbeiten. Die hohe Versicherung muss aber trotzdem bezahlt werden, und das, obwohl in dieser Zeit nur ein geringes Einkommen da ist. Lösungsansätze wären also: fest angestellten Hebammen (viel) mehr bezahlen, mehr Ausbildungsplätze schaffen und die Versicherung (evtl. durch stattlichen Eingriff) senken. Warum da von Seiten der Politik nichts passiert weiß mal wieder keine so recht. Wenn man bedenkt, daß das Charlottenhaus über 1000 Geburten jährlich bewerkstelligt hat, fragt man sich, was nächstes Jahr in Stuttgart passieren wird, wenn diese 1000 Geburten auf die paar (auch schon am Limit arbeitenden) Krankenhäuser umverteilt werden müssen.
Das Beispiel der Hebamme kann in abgeänderter Form sicherlich auch auf andere Berufszweige wie Altenpfleger oder Erzieherin angewandt werden.
Zwei Sachen haben alle gemeinsam: es sind verdammt wichtige Berufe, doch in allen läuft etwas gehörig schief; sonst hätten wir genügend zufriedene Menschen in diesen Jobs.

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