Leitfaden für neue Labels

Das KAUFHAUS MITTE steht ja unter anderem für regionale und kleine Labels. Da bin ich immer auf der Suche nach neuen Produkten, die gut ins Sortiment passen. Neben den vielen Vertretern, die jeden Tag unangekündigt zur Tür reinkommen, „bewerben“ sich auch viele Labels und Startups per eMail. Bisher sind über 1.500 Bewerbungen reingekommen und es vergeht kein Tag, an dem sich kein Label vorstellt. Viele davon sind noch ganz grün hinter den Ohren; also ganz am Anfang. Das rieche ich mittlerweile schon beim Öffnen der Mail. Es ist viel Schrott dabei, aber durchaus einiges brauchbares. Bisher haben es so über 80 Brands auf die Verkaufsfläche vom KAUFHAUS MITTE geschafft. Leider ist es so, daß ein Großteil der Produkte schon allein deshalb durchs Raster fällt, weil es dem Anbieter an Wissen mangelt. An Wissen wie der Markt funktioniert. Ich freue mich über jeden, der versucht, etwas zu bewegen. Aber selbst gehäkelte Klobürsten braucht kein Mensch. Das ist aber nicht das, was ich meine. In der heutigen Zeit kann mann schnell eine Idee umsetzen und sich auf dem Markt versuchen. Ein paar Postkarten oder T-Shirts designen und drucken/bedrucken. Das Investment ist gering, der Ertrag meistens auch.

Zurück zum Thema: den Newcomern fehlt durch die Bank weg das Know-how in Sachen Steuern & Kalkualtion. Hier scheitert es auch oft schon an der viel besagten Mehrwertsteuer. Und da dies jedes Mal eine Endlosdiskussion ist versuche ich mit diesem Artikel einen Leitfaden für all diejenigen anzubieten, die Kritik annehmen können und Ihr Label wirklich im Markt gut positioniert sehen möchten. Ich möchte mich hier über niemanden lustig machen, sondern eine kleine Unterstützung in Sachen „Basicwissen“ anbieten.

Ich steige an dem Punkt ein, an dem Du Dich entschieden hast, ein Produkt auf den Markt zu bringen. Entweder weil es einzigartig ist, Du der Meinung bist, dass Dein Produkt besser ist als das von Anderen oder Du einfach Bock drauf hast. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: über den eigenen Online Shop verkaufen oder über den stationären Einzelhandel. Du entscheidest Dich für Ersteres. Aus mehreren Gründen: ein Online Shop ist schnell zusammengebastelt, Dein Produkt den tausenden von Einzelhändlern anzubieten wäre zu arbeitsintensiv und wenn Du direkt verkauftst bleibt mehr für Dich übrig. So zumindest die Theorie. Das Kleingewerbe ist angemeldet und Du kannst losstarten. Der Online Shop ist gelauncht, Deine Produkte gibt’s vielleicht auch bei Etsy oder Dawanda. Und es passiert: Nichts. Zumindest nicht viel. Denn fast niemand interessiert sich für Deinen Shop. Oder verirrt sich dahin. Warum auch? Außer ein paar Freunde bei Facebook und Instagram erreichst Du nämlich niemanden. Jetzt kommt der Punkt an dem Du entweder den Kopf in den Sand steckst oder Dir eine neue Taktik ausdenkst. Du könntest ja mal beim Shop um die Ecke nachfragen. Denn der hat garantiert gerade ein Regal frei und wartet nur auf Deine Weltneuheit. Entweder gehst Du da kurz vorbei oder schickst Ihm eine eMail oder Infos per Post. Und genau an dem Punkt wird es spannend. Dann wirst Du eventuell erfahren, daß Dein Produkt ganz gut ist, aber wirtschaftlich für den Shop so ganz und gar keinen Sinn macht. Aha. Verstehe ich jetzt nicht. Solltest Du aber.

Ich war immer der Meinung, daß sich jeder austoben und einfach drauf losprobieren soll, auch wenn er von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Aber vor kurzem hat mir jemand gesagt: „Wenn Du in den Straßenverkehr eintauchst benötigst Du einen Führerschein.“ Und: „Unwissen schützt vor Strafe nicht.“ Bedeutet: Wenn Du Business machen möchtest erkundige Dich gefälligst vorher was Du wissen musst. Ein Führerschein für Unternehmer sozusagen. Als Kleingewerbetreibender musst Du keine Mehrwertsteuer ausweisen. Und deshalb hast Du Dich auch noch nie damit befasst. Und da beginnt der Horror. Es gibt einen Unterschied zwischen Dir, dem das Wort Mehrwertsteuer fremd ist, und dem Einzelhändler, der die Mehrwertsteuer ausweisen und abführen muss. Somit sprecht Ihr meist von komplett unterschiedlichen Zahlen, obwohl diese auf den ersten Blick gleich aussehen. Dazu im nächsten Abschnitt mehr.

Kommen wir erst mal zur Kalkulation, die oftmals so aussieht: Materialkosten €14,-, Arbeitsaufwand wird nicht reingerechnet, Verkaufspreis €19,99. Der Verkaufspreis muss niedrig sein, damit man gegenüber seinen Mitbewerbern einen Vorteil hat und die Leute einen Anreiz haben, Dein Produkt zu kaufen. Den Preis erhöhen kannst Du immer noch. Wenn’s gut läuft. So denkst Du zumindest. Wer ein bisschen rechnen kann merkt jetzt schon, daß diese Rechnung niemals aufgehen kann und wird. Oftmals wird mir in so einem Fall ein Einkaufspreis von €18,- angeboten; somit hätte ich ja satte €1,99 Gewinn. Was verdammt gut ist. Sagst Du. Nun rechne ich vor: €19,99 brutto sind €16,80 netto. Und ich soll den Artikel für €18,- einkaufen. Finde den Fehler! Große Augen am anderen Ende des Rechners: Brutto? Netto? Was labbert der?
Und das ist das große Problem: während man mit einem Kleingewerbe in diesem Fall €19,99 netto auf Tasche hat habe ich beim selben Produkt nur €16,80. Denn die restlichen €3,19 gehen direkt ans Finanzamt. Mehrwertsteuer nennt man das. Von diesen besagten €16,80 muss ich Miete, Personal, Nebenkosten bezahlen und würde auch noch gerne was dran verdienen. Somit kannst Du Dir ausrechnen, daß mein erwarteter Einkaufspreis unter dem liegt, was Du alleine schon an Material ausgegeben hast.
Deshalb sollte man sich vorher im klaren darüber sein, ob man wirklich den Direktvertrieb über einen eigenen Online Shop gehen möchte oder nicht. Im anderen Fall sieht die Kalkulation komplett anders aus und der Verkaufspreis bewegt sich eventuell in (höheren) Regionen, in denen man mit seinem Mitbewerbern nicht mehr mithalten kann.

Hier ein Beispiel für eine Kalkulation:
Deine Kosten €9,- netto    (Material, Entwicklung, Herstellung, Arbeitszeit usw.)
Dein EK-Preis an den Einzelhandel: €13,- netto
VK-Preis im Einzelhandel €29,90 brutto (inkl. Mwst. = €25,13 netto)

Die Spanne zwischen EK (Einkaufspreis) und VK (Verkaufspreis) differiert je nach Warengruppe. Bei Lebensmittel ist die Spanne meist niedriger; bei Bekleidung höher. Daher dient das Beispiel nur zur Information.

Solltest Du irgendwann einmal Dein Produkt an den Einzelhandel anbieten wollen, sollten mindestens folgende Basic-Infos beinhaltet sein:
Beschreibung Deines Labels (wer bist Du | für was steht Dein Label, z.B. Nachhaltigkeit, Regionalität usw.)
Genaue Produktbeschreibung inklusive Bildmaterial
Preisinformationen (empfohlener Verkaufspreis | Dein gewünschter Einkaufspreis – und dieser sollte gut überlegt sein)
Weitere Infos wie: ist das Produkt sofort lieferbar? | Versandkosten | Zusatzleistungen (wie kann ich den Einzelhändler unterstützen, z.B. Display, Werbeaktion über soziale Medien usw.)

So das war’s dann erst mal. Ich hoffe ein paar von Euch da draußen weitergeholfen zu haben. In diesem Sinne: ran an die Taschenrechner.

 

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