Neustart

NEUSTART

Der Laden ist zu, ich weiß nicht wie es weitergeht. Und ich sitze die meiste Zeit zuhause bei Frau und Kind. Wenn ich mal die ganzen Sorgen um meine Mitarbeiter und meinen Laden beiseite lege kann ich dem Ganzen tatsächlich viel Positives abgewinnen: ich hatte schon lange keine freie Zeit mehr, schon gar nicht mehrere Tage oder Wochen am Stück. Draußen ist es so schön ruhig, und das mitten in der Stadt. Keiner geht mir auf den Sack, fast jeder hält Abstand. Man hat überall Platz, ob auf dem Gehweg, im Supermarkt (ausgenommen DM) oder mit dem Auto auf der Straße. Alles wirkt so entschleunigt. Und Entschleunigung hört sich irgendwie positiv an. Das fühlt sich an wie ein Urlaub vom Alltag.

Man kann sich auf das Wesentliche besinnen. Wenn man noch weiß, was das überhaupt ist. Man sollte die freie Zeit geniessen, ein Buch lesen, etwas machen was man immer wieder aufgeschoben hat. Viele, und da inkludiere ich mich, wissen gar nichts mit freier Zeit anzufangen. Mir ist das fremd und ich freue mich tatsächlich auf ein bisschen Freizeit. Auch wenn ich noch nicht weiß was da genau auf mich zukommt. Arbeit habe ich bisher immer von zuhause fern gehalten; jetzt musste ich mir erst mal ein Laptop bestellen, um überhaupt ab und an mal was von zuhause aus checken zu können. Hermes hat mal wieder versagt und das Gerät nicht geliefert. Morgen soll es aber soweit sein: UPS solls möglich machen.

Als Papa von einer kleinen Tochter kann man, dank Kita-Schließung, endlich viel Zeit mit dieser verbringen. Das was man sich sonst immer wünscht. Gut, daß jetzt die Spielplätze dicht sind, man zuhause sitzt und dem quengelnden Kind erklären muss, wieso wir verdammt nochmal nicht auf den Spieli gehen. Oder mit anderen Kindern abhängen. Oder wenigstens in die Kita gehen. Sowas versteht Kind nicht und damit umzugehen ist für die Eltern nicht leicht. Zumal Oma und Opa in diesen schwierigen Zeiten entfallen. Da ist man auf sich selbst gestellt. Als kleiner Trost: für die nächsten 4 Wochen muss kein Essengeld an die Kita entrichtet werden! Die Monatsgebühr bleibt aber bestehen. Wir Schwaben habens ja.

Zum Thema Laden-Schließungen usw. hatte ich ja schon in meinem letzten Blogbeitrag Stellung bezogen: das war so alles richtig, auch wenn es viele hart treffen wird. Am Anfang die Sorge, wie man sein Kind (0hne Kita) betreut, dann die Sorge um den Job. Und natürlich ums Klopapier.

Was bei der ganzen Aktion nicht so cool ist: die Isolierung, (fast) keine soziale Kontakte. Der morgendliche Kaffee in seinem Stammcafe an der Ecke. Die Angst, daß die Quarantäne noch lange bestehen bleibt. Die Angst, sich anzustecken. Das Alles macht mir auch zu schaffen. Den ganzen Tag Vorsicht walten lassen, an jeder Türklinke, bei jedem Aufeinandertreffen. Immer und überall. Das fühlt sich irgendwie schon ein bisschen wie in den einschlägigen Filmen und Serien an, die man sich so reingezogen hat. „The Walking Dead“: kaum Menschen auf der Straße, aber jeder ein potenzieller Beisser.

Die Politik macht indes eine gute Figur, wie ich finde. Normalerweise ziehen die immer den Schwanz ein, wenn es um heiße Themen geht. Ob Rente, Flüchtlinge, ob Mangel an Altenpfleger und Co – hier passiert seit Jahren nichts und es wird immer schön vor sich hergeschoben. Keiner hat einen Plan, keiner hat die Eier etwas durchzuziehen. Man könnte ja scheitern. Aber jetzt ist alles anders: Ich sehe Politiker, denen ich nie etwas zugetraut hätte. Jetzt sind sie wenigstens präsent, machen klare Ansagen, auch wenn diese unpopulär sind, weichen nicht vom Kurs. Und das ist es was wir von denen erwarten: eine klare Haltung, ein klares Ziel. Fürs Klima hätte das keiner von denen getan.

Und noch so was bewundernswertes: Der Baumarkt ist der neue Hot Spot. Da geht richtig was ab. Schlange stehen inklusive. Denn nur 50 Leute dürfen gleichzeitig rein. Viele kaufen Gartenartikel. Die Sonne scheint, man hat Zeit. Da kann man doch schon mal seinen kleinen Garten auf Vordermann bringen. Hier gibt es mehr zu entdecken als in jedem Supermarkt.

Aber zurück zum Wesentlichen: Alle heulen, haben Angst die Miete nicht zahlen zu können. Den Job zu verlieren. Oder in meinem Fall: den Laden nicht mehr öffnen zu können. In dieser Situation ist fast jeder gleich. Und man merkt, daß man angreifbar ist. Ohne es vorher gewusst zu haben. Alles ändert sich. Von heute auf morgen. Danach wird die Welt nicht mehr die sein die sie mal war. Und vielleicht ist das auch gut so. Wir leben seit Geburt an im Luxus, sind es gewohnt, egal wann wo, alles konsumieren zu können, was und wieviel wir nur wollen. Ohne Rücksicht auf die ausgebeuteten Arbeitskräfte in Asien, ohne Rücksicht auf die Umwelt, ohne Rücksicht auf die Tiere, ohne Rücksicht auf unsere Mitmenschen. Hauptsache die Konsumlust wurde befriedigt.
Weniger Luxus, mehr Leben. Die Umwelt dankt es uns wenn wir sie mal ein paar Wochen entlasten. Entschleunigung tut dem Menschen sich gut. Vielleicht sollte man die Welt tatsächlich einmal im Jahr auf eine Minimum runterfahren. Für eine Woche, mit Ansage. Vielleicht immer in der ersten Januar-Woche.

Unterm Strich kann man sagen: wenn man nicht in finanzielle Schieflage gerät kann man dieser Quarantäne auch einiges Gutes abgewinnen. Und vielleicht einiges davon beibehalten.

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