Stirbt der Einzelhandel aus?

Die Nachricht ist nicht neu. Schon länger gibt es viel Geheule um den aussterbenden Einzelhandel. An jeder Ecke macht ein Geschäft zu. Momentan stehen in Stuttgart gefühlt mehr Flächen frei als je zuvor. Und das in 1a-Lagen. Große Konzerne kündigen Ihre riesigen Flächen und treten den Rückzug an, während im selben Moment große Online-Shops kleine Innenstadt-Filialen aufmachen, um neue Kunden zu gewinnen. Die Calwer Straße hat schon lange Ihren Glanz verloren. Trotzdem wurden hier in den letzten Jahren qm-Preise weit über €100,- bezahlt und immer noch verlangt. Damals war das noch möglich. Heute nimmt man solche Flächen nicht mal geschenkt. Selbst auf der Königstraße, wo qm-Preise bis €400,- bezahlt wurden, sind recht viele Flächen leer und es werden aktuell weitere Flächen unter der Hand angeboten, in welchen momentan noch verkauft wird, deren Mieter aber schnellstmöglich raus möchten. In der Schulstraße gibt’s freie Ladenlokale und da kommen demnächst noch mehr dazu. Vom Milaneo und Gerber gar nicht zu sprechen. So in etwa zieht sich das durch das ganze Stadtbild. Die Zukunft für den Einzelhandel sieht tiefschwarz aus. Wenn sich nicht doch noch in letzter Minute was ändert. Der Trend hierzu liegt schon lange auf dem Tisch, aber dagegen gesteuert hat fast keiner. Und jetzt haben wir das Debakel. Früher als gedacht. Wenn die große Konzerne gehen ist das erst mal ein Chance. Ich behaupte: Jetzt ist die beste Zeit um das Blatt endlich zu wenden. Es wird nicht einfach, aber es ist, oder besser gesagt, es muss machbar sein.

Wenn man werktags durch die Stadt läuft sind bis auf wenige Ausnahmen fast alle Geschäfte leer. Viele müssen Freitags und vor allem Samstags große Mengen verkaufen um die restlichen Tage aufzufangen. Ausgenommen ist hier die Gastronomie. Diese boomt seit Jahren. Für Essen sitzt das Geld halt lockerer. Das ist unter anderem auch auf neue und gute Konzepte zurückzuführen. Und diese fehlen dem Einzelhandel. Es sind nicht nur die zu hohen Mieten, es ist auch die Suche nach gutem Personal. Es liegt auch am Rückgang der Kundenströme in die Städte. Die Städte sind eben einfach nicht mehr attraktiv. Jede größere Innenstadt sieht vom Prinzip her gleich aus: große Ketten wohin das Auge reicht, wenig Vielfalt, wenig Liebe zum Detail. In vielen Stores sieht es auch nicht besser aus. Wenn ich in eines der größeren Bekleidungsgeschäfte gehe, egal wo in Deutschland, kommen mir überall dieselben Marken entgegen: Levi’s, G-STAR, Boss, Diesel, Replay, Hilfiger usw. Und genau das spiegelt das große Problem wieder: man wird austauschbar; ob durch konkurrierende Shops oder durch die Online-Konkurrenz. Traditionsgeschäfte gibt es immer weniger; gerade erst wurden Mußler und Wittwer von Multis aufgekauft. Darf sich so ein Geschäft überhaupt noch „Traditionsgeschäft“ nennen?

Es wird ja von einigen Seiten vorausgesagt, daß die Zukunft nur online liegt und es bald keinen Platz mehr für den Einzelhandel gibt. Wo bitte bleiben die Sammler & Jäger? Diese wird es meiner Meinung nach immer geben. Mal mehr, mal weniger. Menschen die rausgehen, sich die Ware anschauen, fühlen, riechen, einkaufen und sich darauf freuen, das eroberte Stück zuhause auszupacken, anstatt eine halbe Stunde bei der Post Schlange zu stehen um sein Paket abzuholen. Das sind die Leute, um die wir uns kümmern müssen, um die wir werben und nicht verlieren dürfen.

Ich höre immer nur, daß die Probleme bei z.B. der Stadt oder bei den vielen Online-Shops liegen. Zu teure Parkmöglichkeiten, zu schlechte Anfahrtswege, zu dreckige Stadt. Oder zu günstige Online-Preise, zu langes Umtauschrecht. Die Liste ist unendlich. In meinen Augen gibt es aber zwei elementare Fragen: Was mache ich als Einzelhändler falsch? Und: Was kann ich als Einzelhändler besser machen? Und genau diese zwei Fragen sollte man sich als Shopbetreiber selbst stellen. Und ehrlich beantworten. Bin ich austauschbar? Bin ich in den 90ern stehen geblieben? Ist das, was ich seit Jahrzehnten mache, immer noch zeitgemäß? Warum sollten Kunden in mein Geschäft kommen? Was biete ich was Andere nicht bieten? Wenn diese Fragen beantwortet sind, weiß man wo man steht. Ob man eventuell nachjustieren oder frühzeitig abtreten muss. Ob das Geschäftsmodell überhaupt (noch) Sinn macht. Antworten auf dies zwei eingehenden Fragen höre ich fast nie. Immer sind andere Schuld. Jammern auf höchstem Niveau. Warten bis es besser wird.

Wenn ich schon solche provokativen aber unumgängliche Fragen stelle, sollte ich auch Antworten parat haben. Vielleicht keine Patentlösung, aber ein paar gute Ansatzpunkte:
Punkt 1: Man darf nicht austauschbar ist. Die Konkurrenz durch ähnliche Geschäfte und Online Shops ist stark. Wer nur die üblichen, konservativen Marken führt, wird schwer zu kämpfen haben und auch kein neues Publikum dazugewinnen.

Punkt 2: Aktionen sind unumgänglich. Man muss Erlebnisse schaffen. Und zwar reichlich davon. Immer wieder zeigen, daß es sich lohnt, in ein Geschäft zu gehen. Das kann der Online-Handel nicht bieten. Als kleiner Händler sollte man sich mit seinen Nachbarn zusammentun. Synergien schaffen. Gemeinsam sind wir stark.

Punkt 3: Bei Saisonware den Lieferturnus ändern. Wenn es gerade mal so richtig warm wird ist in der ganzen Stadt schon SALE. Im Winter verhält sich das nicht anders: vor Weihnachten gibt’s schon Rabatte bis zum Abwinken, aus Angst, man könnte auf der Winterware hängen bleiben. Das liegt daran, daß z.B. die Sommerware im Januar / Februar und die Winterware im Juli / August ausgeliefert wird. 1-2 Monate später wären optimal für den Händler und den Kunden.

Punkt 4: Und eigentlich der wichtigste Punkt. Es läuft nichts mehr ohne eine gute Gastronomieeinheit. Diese ist immer Dreh- und Angelpunkt einer jeden Ecke. Keine Gastro, weniger Gäste. Auch das ist ein großes Problem, denn oftmals finden wir altbackene Gastrokonzepte vor. Und das bringt defintiv keine neuen Gäste. Wenn ich an z.B. das Scholz am Rathausplatz denke. Das war ein absoluter Treffpunkt, bis es weichen musste. Ein Fluxus ohne Holzapfel / Tatti? Nicht vorstellbar. Und das zieht sich so durch die ganze Stadt. Gastro ist das neue Ding. Und zwar schon seit Jahren. Wo gute Gastro ist sind auch viele Leute. So einfach ist das.

Ist Innovation also tatsächlich die Lösung?
Irgendwie scheinen innovative Projekte zu funktionieren, zumindest in einem überschaubaren Rahmen: tolle Konzepte wie das Fluxus haben gezeigt wie es geht. Die Tübinger Straße als Gastromeile ebenfalls. Da tut sich überall was. Und fast alles ohne Mainstream. Ist das vielleicht der richtige Ansatz? Zumindest enthält er alles was es für eine schöne Innenstadt braucht: Abwechslung, Gastfreundlichekeit und viele Aktionen. Und das alles gepaart mit guten Gastro-Konzepten. Das könnte die Lösung sein. Wenn denn die Mieten nicht so teuer wären. Jedenfalls entstehen hier Bindungen zwischen dem Stadtviertel, dem Shop oder der Gastro mit dem Kunden. Weil er sich damit identifizieren kann und nicht so gesichtslos ist.
Wenn man dann noch sieht wieviele kleine Labels und Ladenkonzepte z.B. durch das Fluxus den Absprung ins Vollzeit-Business gepackt haben, müsste man doch eigentlich genau hier ansetzen. Ob die Holzmöblerei, das LaLa, SuperJuJu, Designkiosk, das Tattis. Alle haben sie sich weiterentwickelt und vergrößert. Aus tollen Ideen sind Standbeine geworden. Ohne Zuschüsse. Manchmal benötigt es einfach eine Chance. Und hier muss natürlich auch das Zusammenspiel von Vermieter und Mieter stimmen. Leider hat fast jeder Vermieter den Anspruch die bestmögliche Miete aus seiner Fläche rauszuholen, was man keinem verübeln kann. Und weil fast die ganze Stadt irgendwelchen ausländischen Großkonzernen gehört und es denen egal ist wer Ihr neuer Mieter wird – Hauptsache die Kohle stimmt – sehen nunmal alle Innenstädte gleich aus. Weil sich nur die ganz Großen diese Miete leisten können. Durch den momentan hohen Leerstanden werden die Mieten sinken müssen und das ist die Chance, von der ich eingangs geredet habe.

Jedenfalls gibt es einige Ansatzpunkte, die wir als Einzelhändler in jedem Fall umsetzen können. Ob das dann letztlich reicht um zu überleben, werden wir sehen. Ich bin sehr zuversichtlich. Packen wir’s an!

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